Mit Tönen das Wachstum fördern

An einem Juliabend in der Kolonie am Schildstein. Auf der Festwiese stehen ein paar Gartenstühle im Halbkreis, 1,5 Meter weit auseinander. Die ersten Gäste sitzen bereits. Dass sie einen Haushalt teilen, erkennen wir daran, dass sich ihre Stühle berühren. Andere sitzen in präventiver Distanz. Bereitwillig füllen die Gäste die Anwesenheitsliste aus. Im Fall einer Erkrankung und positiven Testung mit Covid-19 müssen die Kontaktpersonen Informationen erhalten.

Während die Liste weiterwandert, schallen von der Bühne bereits einzelne Gitarrenakkorde. Cornelia Spanier trällert eine Melodie auf der metallisch glänzenden Querflöte. Danuta Lade singt ein paar Töne. Dazwischen ruft Wolfgang Laudan vom örtlichen Radio Zusa Tipps in die Runde. „Gib der Gitarre mehr Volumen. Sie geht zwischen Akkordeon und Flöte etwas unter.“ Noch ein paar Takte, Tonleitern, Gesungenes. Irgendwann stimmt die Harmonie.

Zunächst steht beim Ensemble „Zeitreich“ aus Lüneburg Irisches auf dem Programm. „Um Liebe geht es. Wie eigentlich immer.“ So der Akkordeon- und Gitarrenspieler Karsten Köppen in seiner kurzen Moderation. Er und seine Mitmusikerinnen freuen sich auf einen Abend im Kleingarten. Die Festwiese am Lüneburger Schildstein ist mit siebzig Menschen locker gefüllt. Manche liegen auf Decken. Andere stehen am Rand, um im Zweifel gleich loszutanzen. Etwa beim Swing. Vier aufeinander eingespielte Paare hüpfen im Takt des Akkordeons. Fröhlich und jugendlich sieht es aus, wie immer beim Lindy Hop, dem Tanz der 30er, der in den letzten Jahren überall auf der Welt ein Revival erlebte. Die Röcke schwingen, pardon: swingen mit, wenn die Tanzenden sich drehen und über die Wiese hüpfen im mitgeklatschten Takt.

Andere Stücke klingen melancholischer, so etwa von Pink Floyds „Dark Side of the Moon“. Dass solch Hits gespielt werden, macht es nötig, Gebühren an die GEMA zu entrichten. Glücklicherweise ist das Radio ZuSa mit im Boot, das gemeinnützige lokale Radio für Lüneburg, Uelzen und das Wendland, das von den BürgerInnen selbst betrieben wird. Radio Zusa sponserte die GEMA-Kosten. Zudem informierte es im Programm über das Konzert. Da kann es allerdings auch schon mal passieren, dass Hunderte kommen, in Corona-Zeiten ein echtes NoGo. Da aber sonst nur Werbung innerhalb und nahe der Kolonie gemacht wurde, ließ sich das Risiko überrannt zu werden minimieren. So reichte auch das flaschenweise gegen Spende ausgegebene Bier. Ein- und Ausgang dürfen nicht identisch sein. Im Vereinsheim gilt Maskenpflicht. So konnte den Corona-Bestimmungen Genüge getan werden.

Diese galten auch beim ersten Festwiesenkonzert zwei Wochen zuvor. Da stand die Konzertcellistin Hanna Rexheuser auf dem Podium und präsentierte eine „Cello-Performance“, wie sie es selber nennt. Nicht nur spielt sie Lieder aus aller Welt, sie spricht auch erklärende Worte, die unsere Phantasie zu den Ursprungsländern reisen lassen. „Alle Grenzen offen für die Töne“, heißt denn auch ihr kleines Programm mit Italienischem, Russischem, Französischen und so weiter. Diesmal war das Mosaique, ein Lüneburger Verein für interkulturelle Begegnungen der Veranstaltungspartner und zuständig für die GEMA-Gebühren. Entsprechend flossen die Hutspenden diesem für Lüneburg so besonderen Ort zu, dessen Türen durch die Pandemie für Veranstaltungen, wie sie sonst zahlreich angeboten werden, seit März geschlossen bleiben mussten. Für Hannas Konzert hatte der Rotary Club Lüneburg-Hanse die Patenschaft übernommen. Früher hätte man die Rotarier unter den Gästen vermutlich an dem guten Tuch und Krawatten erkannt. Heute mischen sie sich munter unter das Publikum, das sich in der kleinen Hansestadt immer schon irgendwo her kennt, was sich an vielen Begrüßungen querbeet zeigt. Hanna lässt auch eine Cellosuite von Bach erklingen. Angesichts der aus Paletten und Brettern schnell zusammengesetzten Bühne ist die Akustik erstaunlich gut. Die Zuhörenden zeigen ihre Begeisterung durch konzentrierte Stille, wie man sie sonst nur aus den großen Konzertsälen des Landes kennt. So werden die Buchenhecke hinter Hanna, die Obstbäume, Rosen und Ringelblumen allesamt zum Resonanzkörper dieser eindringlichen Musik. Stille. Atmen. Applaus. So schön kann Kleingärtnern sein.

 

Dieser Review-Text stammt aus der Feder von Regine Reinhardt und wurde auch auf https://www.am-schildstein.de/gartenkonzerte/konzertreview/ veröffentlicht.

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